Aus aller Welt

Helmut Moll über den Görres-Märtyrer Karl Heinrich Schäfer + 1945

Termin
Datum: 09.04.2019
Ort: Berlin-Potsdam

PD Dr. Karl Heinrich Schäfer war 1903 bis 1914 als Stipendiat der Görres-Gesellschaft am Römischen Institut arbeitete. Es ist bekannt, dass die Görres-Gesellschaft sich dem damaligen braun-roten Zeitgeist nicht unterwarf, sich nicht gleichschalten ließ und daher 1941 aufgelöst wurde. Es ist inzwischen auch bekannt, dass der damalige Präsident Hans Peters (später in der CDU tätig) aktiver Widerstandskämpfer war, der - weil unentdeckt - den Terror überlebte. Zahlreiche ehemalige Mitglieder des Campo Santo Teutonico und des dortigen Görres-Instituts waren aufgrund ihrer regimefeindlichen Haltung gefährdet und wurden diskriminiert. Darüber wurde im Verlag Herder der Band Orte der Zuflucht und personeller Netzwerke (2015) veröffentlicht. Außerhalb der Thematik dieses Bandes lag das Schicksal eines Mannes, der aber unbedingt gewürdigt und geehrt werden muss, was an dieser Stelle nun geschehen soll.

Karl Heinrich Schäfer, geboren 1871 bei Marburg, war ein in Marburg und Berlin ausgebildeter evangelischer Theologe und Historiker, der am 8. Dezember 1902 in St. Aposteln in Köln zur katholischen Kirche übertrat und sofort seine bisherige Arbeitsstelle am Städtischen (!) Archiv in Köln verlor. Für diskriminierte Wissenschaftler fühlte sich seit jeher die Görres-Gesellschaft verantwortlich. Sie nahm den arbeitslosen Schäfer unter ihre Fittiche. Die nächsten elf Jahre wird der Laie Schäfer als Stipendiat am Römischen Institut der Görres-Gesellschaft am Campo Santo tätig sein (ob er auch durchgehend hier wohnte, ist nicht zu ermitteln). Die online einsehbaren Jahresberichte des Römischen Instituts vermerken seine Tätigkeit und den Fortgang seiner Arbeiten. Da Emil Göller ins Preußische Historische Institut eintrat, führte Schäfer dessen Arbeiten zur päpstlichen Finanzverwaltung weiter. Schäfer war von seiner bisherigen Ausbildung her vor allem mittelalterlich orientierter Historiker, so dass er bestens präpariert war. Er hielt mehrfach sogenannte Sabbatinen, also interne Abendvorträge der Kollegsgemeinschaft.

Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs musste Schäfer wie alle Deutschen Rom verlassen. An der Schlacht um Verdun nahm er als Landsturmmann teil. Nach seiner Habilitation in Braunschweig wurde er 1920 am Reichsarchiv in Potsdam angestellt. 1921 heiratete er die wesentlich jüngere Barbara Marx aus Luxemburg, die die Tochter Renate gebar. Im Kreis der berühmten Geistlichen Carl Sonnenschein und Joseph Deitmer half Schäfer am Aufbau katholischer Strukturen in Berlin und im Märkischen (Bistumsgründung 1929).

Schäfer war kämpferischer Gegner des braun-roten Zeitgeistes. Er nahm kein Blatt vor den Mund, trotz Frau und Tochter. 1934 verlor er seine Arbeit im Reichsarchiv. In seinem Haus in Potsdam versammelten er und seine Frau Gleichgesinnte und hörte "Feindsender". Eine Hausangestellte verriet das Ehepaar. Er und seine Frau wurden von der Gestapo verhaftet. Sie kam 18 Monate ins Zuchthaus in Cottbus. Er ging für zwei Jahre ins Zuchthaus Luckau. Nach seiner Entlassung wurde der 73-jährige ins KZ Sachsenhausen verschafft, wo er, angeblich an Rippenfellentzündung und allgemeiner Körperschwäche, am 29. Januar 1945 verstarb.

Sein Nachlass liegt im Historischen Institut der Universität Potsdam bei Prof. Dr. Thomas Brechenmacher.