Leseempfehlungen

Ein Muss-Buch für Politiker und Seelsorger gleichermaßen

Dr. Wolfgang Picken, langjähriger Pfarrer in Bonn-Bad Godesberg, jetzt in Bonn-Zentrum, richtet mit seinem Buch WIR - Die Zivilgesellschaft von morgen einen allarmierenden Appell an all jene, denen die Zukunft der deutschen Gesellschaft am Herzen liegt. Es ist eine packende, zugleich schonungslose Analyse einer vor dem Kollaps stehenden Zivilgesellschaft. Picken kennt die Wirklichkeit aus seiner seelsorglichen Erfahrung. Zugleich schreibt er völlig uneitel von jenen Perspektiven, die ihm wichtig sind und in denen er aufgrund seiner eigenen Erfahrungen eine Möglichkeit sieht, doch noch eine Wende zu schaffen. Alles entscheidend ist der gesellschaftliche Zusammenhalt an der Basis. Das Buch ist unbedingt empfehlenswert.

Picken ist ein großer Romkenner. Daher sei mir eine persönliche Anmerkung erlaubt. Auch die Stadt Rom befindet sich im offenen Zerfall der bürgerlichen Strukturen. Faktisch gibt es keine öffentliche Ordnung mehr. Polizisten und Militär sieht man nur an den Touristentrassen. Der Müll liegt offen auf den Straßen; Ratten überall. In den letzten 20 Jahren meines Aufenthalts in Rom hat sich die Situation dramatisch verschlechtert. Es gibt kaum mehr Strukturen, die den freien Fall aufhalten können, auch nicht mehr in den ausgedünnten Pfarreien. Vergleicht man diese Situation etwa mit der toskanischen Stadt Siena, so fällt der krasse Unterschied auf. Siena ist eine völlig saubere Stadt. Kein Müll, keine Graffiti, nicht einmal am Bahnhof. Es gibt keinen öffentlichen Bettel, keine Kolonien von Obdachlosen oder versklavten Migranten, keine Fäkalien, leere Flaschen und weggeworfene Lebensmittel auf den Gehwegen oder in Türeingängen, keine rücksichtslosen Mopedfahrer, keine unkontrollierten Autoparker, keine Schwärme von skip-the-line-Betrügern vor den Museen u.s.w. Warum? Weil die Stadtviertel (Contrade) in ihrem bürgerlichen Zusammenhalt bestehen. Sie feiern völlig unbehelligt mitten auf den Straßen an langen Tischen ihre Stadtteilfeste. Noch vor wenigen Jahrzehnten war dies auch in Rom der Fall, etwa am Johannestag am Lateran. Heute wäre das undenkbar. Man sieht daraus, wie entscheidend bürgerliche Basisstrukturen sind. Die große Politik und auch die Seelsorge gehen fehl, wenn sie nicht mehr offen sind für die Familie und bürgerliche Solidarität als den nachhaltigsten, vielfältigsten und primär zu fördernden Resourcen der Gesellschaft, sondern die ganze Gesellschaft marktgerecht vom Individualismus, von Luxuswünschen und von den Randgruppen her konstruieren wollen. S.Heid