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Wer wirklich die "Körperwelten" erfand: der toskanische Arzt Antonio Magnani

Prof. Massimiliano Ghilardi (Istituto Nazionale di Studi Romani), umtriebiger Erforscher des barocken Märtyrerkults, präsentiert in seiner Studie unter dem schönen Titel "Il Santo con due piedi sinistri" (LuoghInteriori 2019) eine sensationelle Entdeckung: Die technisch und anatomisch perfekte Rekonstruktion der Märtyrer aus ihren bloßen Knochen mittels einer völlig neuen Methode, der Wachsplastik (heute würde man wohl sagen: Wachsplastifizierung) geht nicht auf von Hagens zurück, sondern auf den toskanischen Chirurgen Antonio Magnani.

Ghilardi ist es aufgrund akribischer Archivstudien gelungen, diesen bislang praktisch unbekannten Erfinder zu finden. Magnani hat am Ende des 18. Jahrhunderts mit Förderung der Päpste begonnen, aus den Gebeinen, die man in den Katakomben fand, die leibhaftigen Menschen so getreu wie möglich wiederherzustellen und im Moment ihres mutmaßlichen Märtyrertodes in Wachs festzuhalten. Dazu waren natürlich auch Forschungen über die Todesumstände erforderlich. Besonders delikat war die Rekonstruktion des mutmaßlichen Gesichtsausdrucks. Inwieweit Magnani äußerst erfolgreiche Arbeit die moderne Anthropologie oder auch Forensik inspiriert hat, wäre ein eigenes Thema.  

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Solche wachsenen Heiligen wurde sofort dermaßen populär, dass sie sich noch heute in zahlreichen barocken Kirchen in ganz Europa finden, häufig ausgestellt in Altären mit gläserner Frontseite. Hingewiesen sei für deutsche Leser auch auf das gruselige Buch von Paul Koudounaris, Katakombenheilige (2014).