Aus aller Welt

Karfreitag in Jerusalem

Egeria beschreibt die Karfreitagsliturgie in Jerusalem Ende des 4. Jahrhunderts:

"Nach dem ersten Hahnenschrei (ca. 4-5 Uhr nachts) steigt man dann mit Hymnen wieder vom Imbomon (Himmelfahrtsstelle auf dem Ölberg) herab und geht zu dem Ort, wo der Herr gebetet hat, wie im Evangelium geschrieben steht: Und er entfernte sich einen Steinwurf weit und betete (Lk 22,41) und das Folgende. An dieser Stelle steht nämlich eine herrliche Kirche (wahrscheinlich Eleona-Kirche). Der Bischof und das ganze Volk treten dort ein, man spricht ein zu Ort und Tag passendes Gebet, rezitiert auch einen passenden Hymnus und liest dort die Stelle aus dem Evangelium, wo er zu seinen Jüngern spricht: Wacht, damit ihr nicht in Versuchung geratet (Mk 14,33-42). Diese ganze Stelle wird dort gelesen und schließlich wieder ein Gebet gesprochen.

Von dort steigen sie, bis hin zum kleinsten Kind mit Hymnen und zusammen mit dem Bischof zu Fuß nach Gesemani hinab. Sie kommen wegen des großen Gedränges, erschöpft vom Wachen und müde vom täglichen Fasten, nur langsam, Schritt für SChritt, mit Hymnen nach Getsemani, zumal sie einen sehr steilen Berg hinabsteigen müssen. Als Licht für das ganze Volk sind über 200 Kirchenleuchter aufgestellt.

Ist man dann in Getsemani angekommen, werden zunächst ein passendes Gebet gesprochen und ein Hymnus rezitiert. Ebenso wird die Stelle aus dem Evangelium gelesen, wo der Herr gefangengenommen wird (Mt 26,31-56). Wenn diese Stelle gelesen wird, gibt es ein solches Jammern und Klagen des ganzen Volkes - einschließlich Weinen -, dass man die Klagelaute es Volkes wohl bis zur STadt hören kann. Von dieser Stunde an geht man zu Fuß mit Hymnen zur Stadt und kommt zu der Stunde am Tor an, wo einer wieder anfängt, den anderen zu erkennen. Dann ziehen alle ohne Ausnahme mitten durch die Stadt, Groß und Klein, Arm und Reich - alle sind dort bereit, und gerade an diesem Tag geht niemand von den Vigilien weg bis zum Morgen. So wird der Bischof von Gesemani bis zum Tor und von dort durch die ganze Stadt bis zum Kreuz (Golgotha) geleitet.

Wenn man vor dem Kreuz angekommen ist, beginnt es heller Tag zu werden. Dort wird dann jene Stelle aus dem Evangelium gelesen, wo der Herr zu Pilatus geführt wird, und alles, was nach der Schrift Pilatus zum Herrn oder zu den Juden gesprochen hat (Joh 18,28-40), wird vollständig gelesen.

...

Nachdem dann die Entlassung vom Kreuz erfolgt ist, das heißt, bevor die Sonne aufgeht, geht sofort jeder eifrig zum Zion, um bei der Säule zu beten, an der der Herr gegeißelt wurde. Wenn sie von dort zurückgekehrt sind, ruhen sie etwas in ihren Häusern aus, und daraufhin sind alle wieder bereit. Dann wird am Golgota für den Bischof hinter dem Kreuz, das dort jetzt steht, die Kathedra aufgestellt, und der Bischof lässt sich auf der Kathedra nieder. Vor ihn wird ein mit Leinen gedeckter Tisch gestellt, und Diakone stehen um den Tisch herum. Dann wird ein vergoldetes Silberkästchen gebracht, in dem sich das heilige Holz des Kreuzes befindet; es wird geöffnet, das Kreuzesholz wird herausgehoben und zusammen mit der Kreuzesinschrift auf den Tisch gelegt.

(8 Uhr) Wenn es nun auf den Tisch gelegt worde ist, hält der Bischof im Sitzen die beiden Enden des heiligen Holzes mit den Händen fest; die Diakone aber, die um den Tisch herum stehen, bewachen es. Es wird deshalb so bewacht, weil es üblich ist, dass das Volk, einer nach dem andern, kommt, sowohl die Gläubigen als auch die Katechumenen. Sie verbeugen sich vor dem Tisch, küssen das heilige Holz und gehen weiter. Und weil es heißt, einmal - ich weiß nicht wann - habe jemand zugebissen und einen Splitter vom Kreuz gestohlen, deshalb wird es nun von den Diakonen, die um den Tisch herum stehen, so bewacht, dass keiner, der herantritt, wagt, so etwas wieder zu tun.

... Und so zieht also das ganze Volk bis zur sechsten Stunde (12 Uhr) vorüber; es tritt durch eine Tür herein und geht durch eine andere hinaus, weil das am selben Ort geschieht, an dem am Vortrag, das heißt am Donnerstag, die Gaben dargebracht worden sind.

Wenn die sechste Stunde gekommen ist, geht man vor das Kreuz, ob es nun regnet oder heißt ist, denn diese Stelle liegt unter freiem Himmel: Es ist wie ein großer und sehr schöner Innenhof, der zwischen dem Kreuz und der Anastasis liegt. Dort also versammelt sich das ganze Volk, so dass man die Tore nicht öffnen kann.

Dem Bischof wird dann die Kathedra vor das Kreuz gestellt, und von der sechsten bis zur neunten Stunde werden ausschließlich Lesungen vorgetragen: Das heißt, dass man zuerst aus den Psalmen liest, wo auch immer von der Passion gesprochen wird; dann wird aus dem Apostel gelesen, sei es aus den Briefen oder aus der Geschichte der Apostel, wo immer sie vom Leiden des Herrn gesprochen haben, und auch aus den Evangelien werden die Stellen gelesen, wo er leidet. Ebenso liest man aus den Propheten, wo sie vom künftigen Leiden des Herrn gesprochen haben, und genauso wird aus den Evangelien gelesen, wo sie vom Leiden sprechen.

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Es gibt niemanden, weder alt noch jugn, der nicht während dieser drei Stunden des Tages so sehr weint, wie man es nicht für möglich halten möchte - und zwar weil der Herr das für uns gelitten hat. Wenn schon die neunte Stunde (15 Uhr) begonnen hat, wird die Stelle aus dem Johannesevangelium gelesen, wo er seinen Geist aufgab (Joh 19,16-37); auf diese Lesung folgen ein Gebet und die Entlassung.

Sobald aber vor dem Kreuz die Entlassung erfolgt ist, gehen alle sofort in die große Kirche, ins Martyrium, und dort vollzieht man alles, was man gewöhnlich in dieser Woche von der neuten Stunde bis zum Abend dort tut, wenn man im Martyrium zusammenkommt. Nach der Entlassung aus dem Martyrium geht man zur Anastasis, und wenn man dort angekommen ist, wird die Stelle aus dem Evangelium gelesen, wo Josef von Pilatus den Leichnam des Herrn erbittet und ihn dann in ein neues Grab legt (Joh 19,38-42). Nach dieser Lesung wird ein Gebet gesprochen, die Katechumenen werden gesegnet, und es erefolgt die Entlassung.

An diesem Tag wird aber nicht verkündet, dass Vigilien in der Anastasis gehalten werden sollen, weil man weiß, dass das Volk müde ist. Es ist aber dennoch üblich, dort zu wachen. Und wer aus dem Volk es will, oder besser wer es kann, der wacht auch; die es aber nicht können, wachen dort nicht bis zum Morgen. Die Kleriker aber wachen dort, das heißt die stärkeren und jüngeren. Die ganze Nacht hindurch bis zum Morgen werden dort Hymnen und Antiphonen rezitiert". (nach Georg Röwekamp, Egeria / Itinerarium).

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