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Palmsonntag in Jerusalem

Egeria beschreibt die griechische Palmsonntagsliturgie in Jerusalem am Ende des 4. Jahrhunderts:

"Am nächsten Tag, das heißt am Sonntag, mit dem man in die Osterwoche eintritt, die hier "große Woche" (septimana maior) genannt wird - nachdem man vom Hahnenschrei (ca. 4-5 Uhr nachts) an bis zum Morgen gefeiert hat, was man gewöhnlich in der Anastasis (Auferstehungskirche) und am Kreuz (Golgota) tut, zieht man also am Sonntag früh wie gewöhnlich in die große Kirche (= Bischofskirche), die Martyrium genannt wird. Sie wird deswegen Martyrium genannt, weil sie auf Golgota steht, das heißt hinter dem Kreuz, wo der Herr gelitten hat - deswegen also Martyrium (Christus = der erste Märtyrer/Zeuge!).

Wenn dann alles wie gewöhnlich in der großen Kirche gefeiert worden ist, erhebt der Archidiakon, bevor die Entlassung erfolgt, seine Stimme und sagt zuerst: "In dieser ganzen Woche, das heißt von morgen an, lasst uns alle zur neunten Stunde (ca. 13-14 Uhr) im Martyrium zusammenkommen, das heißt in der großen Kirche". Dann erhebt er noch einmal seine Stimme und spricht: "Heute wollen wir alle zur siebten Stunde in Eleona bereit sein".

Hat die Entlassung (am Ende der Messe) aus der großen Kirche stattgefunden, das heißt aus dem Martyrium, wird der Bischof unter Hymnen zur Anastasis geleitet, und dort wird alles getan, was an Sonntagen in der Anastasis nach der Entlassung aus dem Martyrium üblich ist. Dann geht jeder nach Hause, um schenll zu essen, damit alle zu Beginn der siebten Stunde in der Kirche bereit sind, die in Eleona stgeht, das heißt auf dem Ölberg, wo die Höhle ist, in der der Herr gelehrt hat.

Um die siebte Stunde steigt das ganze Volk auf den Ölberg, das heißt nach Eleona, und geht in die Kirche; der Bischof setzt sich und es werden zu diesem Tag und Ort passende Hymnen und Antiophonen rezitiert - genauso auch Lesungen. Zu Beginn der neunten Stunde steigt man mit Hymnen zum Imbomon hinauf, das heißt zu jenem Ort (auf dem Gipfel des Ölbergs), von dem aus der Herr in den Himmel auffuhr. Dort setzt man sich. Das ganze Volk wird nämlich in Gegenwart des Bischofs immer aufgefordert, sich zu setzen. Nur die Diakone stehen immer (sie durften sich in der frühchristliche Liturgie nie setzen!). Dort werden wieder zu Tag und Ort passende Hymnen und Antiphonen rezitiert - genauso auch dazwischen eingefügte Lesungen und Gebete.

Und wenn die elfte Stunde begonnen hat, wird die Stelle aus dem Evangelium gelesen, wo die Kinder mit Zweigen und Palmwedeln dem Herrn entgegen gehen udn rufen: "Gesegnet, der kommt im Namen des Herrn". Sofort erhebt sich der Bischof, und dann geht das ganze Volk zu Fuß von der Spitze des Ölberges hinab. Das ganze Volk geht vor ihm her mit Hymnen und Antiphonen und rezitiert als Antwortvers immer: "Gesegnet, der kommt im Namen des Herrn". (Offenbar reitet der Bischof auf einem Esel, und alle, die auf den Ölberg hochgeritten sind - wie wohl auch Egeria - müssen jetzt zu Fuß gehen).

Und alle Kinder, die es hier gibt, auch die, die noch nicht zu Fuß gehen können, weil sie zu klein sind, und sich bei ihren Eltern am Hals festhalten, tragen Zweige - die einen von Palmen, die anderen von Ölbäumen. So wird der Bischof in der Weise geleietet, wie damals der Herr begleitet worden ist.

Vom Gipfel des Berges bis zur Stadt und von dort durch die ganze Stadt zur Anastasis gehen alle den ganzen Weg zu Fuß, auch wenn es vornehme Damen und Herren sind. Sie geleiten den Bischof, während sie die Antwortverse rezitieren, langsam, Schritt für Schritt, damit das Volk nicht müde wird. So erreicht man ziemlich spät schließlich die Anastasis. Dort angekommen, wird, ganz gleich wie spät es ist, das Lucernar (Lichtfeier) gefeiert. Dann folgt erneut ein Gebet beim Kreuz (Golgotha), und das Volk wird entlassen". (nach G. Röwekamp, Egeria / Itinerarium, 2017).

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