Wo Vergangenheit Zukunft hat

Wissenschaftszentrum für Geschichte seit 1888

Ein Nachruf auf Stefan Weinfurter

Er wurde zu einem der führenden Experten der karolingischen, ottonischen, salischen und staufischen Reichsgeschichte. Seit seinen ersten Arbeiten zu den Regularkanonikern arbeitete das Mitglied der Görres-Gesellschaft zu zahlreichen Themen der mittelalterlichen Kirchengeschichte. Dabei zeigte sich auch bei diesem Themenspektrum Weinfurters Begabung, ein breites Publikum an zentrale Themen der Mittelalterlichen Geschichte heranzuführen. Sein Buch „Canossa. Die Entzauberung der Welt“ (2006) ist dafür ein beeindruckendes Beispiel. Mit Blick auf die „historische Chiffre“ Canossa formulierte er scharfsinnige Überlegungen zu den seit dem 11. Jahrhundert einsetzenden grundlegenden Neuordnungen („Ordnungsmodellen“, Ordnungskonfigurationen“) des Verhältnisses zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt. Zwischen beiden Sphären wurde in der Folge gedanklich und argumentativ prinzipiell unterschieden, und dies war eine fundamentale Voraussetzung für den sich seit dem 12. Jahrhundert vollziehenden enormen Rationalitätsschub.

Immer wieder beschäftigte sich Stefan Weinfurter mit dieser Umbruchszeit des 11. und beginnenden 12. Jahrhunderts. Für das Zustandekommen der im Jahr 1992 von zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen begleiteten, vom ehemaligen Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz, Bernhard Vogel, angeregten Ausstellung im Historischen Museum der Pfalz („Das Reich der Salier 1024–1125) war er maßgeblich verantwortlich. Seitdem zählte er – oft gemeinsam mit seinem Heidelberger Kollegen Bernd Schneidmüller – zu den Initiatoren umfangreicher Ausstellungen zur mittelalterlichen Dynastie- und Reichsgeschichte, neben den Saliern zu den Ottonen, den Staufern und den Wittelsbachern (2006 in Magdeburg, 2010/11 und 2014 in Mannheim).
Sein letztes großes, federführend betriebenes Projekt wurde 2017 in Mannheim von Zehntausenden besucht: „Die Päpste und die Einheit der lateinischen Welt.“ Im letzten Jahr der Lutherdekade wollten die Verantwortlichen der Ausstellung und der wissenschaftlichen Begleitbände den Blick über die 500jährige Trennung zwischen Katholiken und Protestanten hinaus auf deren 1500-jährige gemeinsame Geschichte lenken.
Der Verstorbene war in zahlreichen wissenschaftlichen und wissenschaftsorganisatorischen Funktionen tätig. Als Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Deutschen Historischen Instituts (DHI) in Rom (2003-2011) und von 2008-2011 als dessen Vorsitzender begleitete er - dessen Familie auch dank verwandtschaftlicher Bindungen Italien eng verbunden ist - tatkräftig die Arbeit dieses ältesten der im Ausland tätigen kulturwissenschaftlichen Institute der Bundesrepublik.
Die von ihm konzipierte rheinland-pfälzische Landeausstellung „Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht. Von Karl dem Großen bis Friedrich Barbarossa“ wird im Jahr 2020 ohne ihren Spiritus rector eröffnet werden müssen und wird somit zum Vermächtnis eines vielseitigen Historikers und liebenswürdigen Kollegen, der eine Frau, drei Töchter und mehrere Enkelinnen und Enkel hinterlässt.

Vorträge & Tagungen

Tagungsbericht "Liber Pontificalis"

Zur großen Tagung zur mittelalterlichen Papstchronik Liber Pontificalis, die im November 2018 am RIGG stattfand, ist jetzt von Thomas Kieslinger der ausführliche Tagungsbericht zu den einzelnen Referaten auf der Plattform H-Soz-Kult veröffentlicht worden. In Vorbereitung ist zudem ein stattlicher Tagungsband in der Supplementreihe der Römischen Quartalschrift, der von Klaus Herbers und Matthias Simperl betreut wird.

H-Soz-Kult  

Jobs & Stipendien

Job: Kirchengeschichtsprofessur in Bologna

Deadline: 26. April

Die Uni Bologna schreibt für Bewerber aus Europa und Außer-Europa den Lehrstuhl für Geschichte des Christentums und der Kirchen aus. Die bisherige Ausschreibung wurde kassiert. Die Stelle wird nach drei Jahren entfristet.

Nähere Infos hier

Römische Notizen & aus dem Institut

RIGG-Website jetzt auch auf Italienisch

Die Website des Römischen Instituts der Görres-Gesellschaft hat jetzt auch eine funktionsfähige italienische Version, auf der fast alle Beiträge der deutschen Seite erscheinen werden. Zum Umschalten der Sprache genügt es, die ital. Flagge rechts oben zu klicken. Seit vielen Jahren war der Wunsch laut, den Italienern einen leichteren Zugang zu den Mysterien des RIGG zu eröffnen. Diesem Wunsch ist nun Genüge getan. Die Besucherzahlen der Seite steigen daher kontinuierlich (im vergangenen Quartal 50.000), was ein beträchtlicher Zuwachs gegenüber 2018 ist.

Aus aller Welt

Mathias Mütel neuer "Bildungsminister" im Bistum Basel

Dr. Mathias Mütel, 2010 bis 2012 Assistent am Römischen Institut der Görres-Gesellschaft, wurde von Bischof Felix Gmür zum neuen Verantwortlichen des Bistums Basel für Bildung ernannt. Mütel, der aus Hamburg stammt, wurde während seiner Zeit in Rom an der Universität Trier mit einer Arbeit über das Trienter Konzil promoviert, die in der blauen Reihe der Gesellschaft für Konziliengeschichtsforschung bei Schöningh erschienen ist. Danach ging er, frisch verheiratet, als Pastoralassistent nach Langnau. Seine Frau Alexandra ist Kunsthistorikerin. Das RIGG freut sich über diese Berufung und gratuliert dem Bischof zu seiner exzellenten Wahl!