Tagungsbericht "Vatikan & 'Rassendebatte'"

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Von Matthias Simperl

„Rassentheoretische“ Konzeptionen und der Ruf nach gesellschaftlich-politischen Konsequenzen waren in der Zwischenkriegszeit in nicht wenigen Ländern Europas ein beherrschendes Thema. Seit der Freigabe der vatikanischen Archivbestände aus dem Pontifikat Piusʼ XI. (1922-1939) vor wenigen Jahren ist es möglich geworden, über die schon bekannten offiziellen Verlautbarungen hinaus den Standort der Kurie in dieser Debatte genauer zu bestimmen. Der Aufgabe, die bisherigen Ergebnisse zu bündeln und zu präsentieren, neue Fragen aufzuwerfen und so der weiteren Forschung ein breites und solides Fundament zu bieten, unterzog sich die international besetzte Tagung „Vatikan und ,Rassendebatte‘ in der Zwischenkriegszeit“ (20.-22. Februar 2014), die sinnigerweise - auf Einladung des Römischen Instituts der Görres-Gesellschaft - am Campo Santo Teutonico im Schatten der Kuppel des Petersdoms stattfand. Unter der Leitung von Thomas Brechenmacher (Potsdam) und Peter Rohrbacher (Wien) wurde die geistige Verortung der Kurie innerhalb der Debatte, interne Diskussion zwischen den einzelnen Dikasterien und Stellungnahmen nach außen unter mehreren Perspektiven betrachtet.

Einen umfassenden und zugleich detaillierten Überblick über die Popularität und Verbreitung „rassentheoretischer“ Konzepte in Wissenschaft und Gesellschaft gaben zwei einführende Referate: John Connelly (Berkeley) zeigte auf, wie unterschiedlich katholische Intellektuelle mit dem in der Zwischenkriegszeit weit verbreiteten, gemeinhin als naturwissenschaftlich fundiert angesehenen „essentialistischen“ Rassenbegriff umzugehen suchten: Während kulturanthropologische Strömungen in den USA ein solches pseudo-naturalistisches Konzept hinterfragten, wurde es in Europa grundsätzlich und selbst von vatikanischer Seite akzeptiert. Differenzen taten sich dagegen in Bezug auf mögliche Konsequenzen, vor allem im Hinblick auf die Eugenikfrage, auf. Connelly gelang es, deutlich zu machen, wie im Besonderen sich „progressiv“ gebende Strömungen in der deutschen Theologie und kirchlichen Öffentlichkeit bemüht waren, Anschluss an vorherrschende gesellschaftliche Strömungen und als „wissenschaftlich“ angesehene Überzeugungen herzustellen.

Veronika Lipphardt (Berlin) zeigte die Verbreitung des „Rassenbegriffs“ als Analysekategorie für menschliche Vielfalt in den zeitgenössischen empirischen Wissenschaften auf und suchte zugleich die mitunter recht heterogenen Ansätze zu unterscheiden und herauszuarbeiten, wie die gängigen evolutionstheoretischen Konzepte des Lamarckismus und Darwinismus zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen führten. Regte sie deshalb an, den bisherigen pauschalisierenden Forschungsbegriff der „Rassenforschung“ zu hinterfragen, so betonte sie zugleich, dass Ansätze, welche die Klassifikation mit Hierarchisierungen verbanden, insgesamt gesehen vorherrschend waren.

Innerhalb der ersten Sektion stand die innerkirchliche Auseinandersetzung mit Formen der Eugenik im Fokus, innerhalb derer die Adaption oder Ablehnung von „rassenpolitischen“ Argumenten durchaus eine Rolle spielte. Monika Löscher (Wien) thematisierte die Unterscheidung von „positiver“ und „negativer“ Eugenik vonseiten des päpstlichen Lehramts in der Enzyklika Casti connubii (1930). Dass Pius XI. zwar die Sterilisierung zu eugenischen Zwecken verwarf, aber mit der unter genetischen Gesichtspunkten getroffenen Auswahl der Partner eugenisches Gedankengut grundsätzlich zu akzeptieren schien, machte das Thema in Österreich - anders als in Deutschland - innerhalb des katholischen Milieus salonfähig. Löscher interpretierte, ähnlich wie Connelly, die hieraus folgenden Diskussionen als Bemühen katholischer Kreise, an herrschende gesellschaftliche biopolitische Vorstellungen Anschluss zu finden und so dem Vorwurf der „Antimodernität“ entgegenzutreten.

Bezüge zur Eugenikdebatte in interkonfessioneller Sicht stellte Oliver Arnhold (Paderborn) her, der auf die breite Akzeptanz eugenischer Vorstellungen bei den „Deutschen Christen“ verwies und die Genese dieser Einstellung mit der zunehmenden Sympathisierung protestantischer Kreise mit einer nationalsozialistischen Rassenideologie schon Ende der zwanziger Jahre erklärte.

Hans-Walter Schmuhl (Bielefeld) - sein Referat wurde in krankheitsbedingter Abwesenheit verlesen - führte an Hermann Muckermann vor Augen, wie eine einflussreiche Priesterpersönlichkeit als Leiter der eugenischen Abteilung des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik durch den Transfer wissenschaftlichen Wissens in den öffentlichen Diskurs die politische Debatte erheblich mitgestaltete und in den dreißiger Jahren als Berater des deutschen Episkopats weiterhin Einfluss auf die innerkirchliche Haltung zu eugenischen Fragen zu nehmen suchte.

In der zweiten Sektion wurde die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Rassenideologie im Umfeld der römischen Kurie untersucht. Philippe Chenaux (Rom) machte die unterschiedlichen Stimmen innerhalb des Jesuitenordens der zwanziger und dreißiger Jahre deutlich, die von einer Rechtfertigung gemäßigter antisemitischer Strömungen bis hin zur Forderung nach der Aufnahme freundschaftlicher Beziehungen zu jüdischen Organisationen reichten. Dass gängige Schemata zur Analyse der oft komplexen theologisch-geistigen Hintergründe nicht genügen, machte er am deutschen Jesuiten Gustav Gundlach deutlich, der mit seiner Unterscheidung zwischen einem abzulehnenden „rassistischen“ Antisemitismus und einem vertretbaren „politisch-juristischen“ zwar prima facie in antisemitische Strömungen einzuordnen ist, aber zugleich aus dieser Unterscheidung heraus mit Ordensmitbrüdern an einer Vorlage für eine päpstliche Verurteilung des Rassenwahns arbeitete.

Die immanente Vielschichtigkeit zeitgenössischer Positionen konnte ebenso Aaron Gillette (Houston) an der Person des eugenik- und faschismusfreundlichen Franziskaners Agostino Gemelli zeigen, der eugenische Vorstellungen mit einem Eintreten für die katholische Kultur verband und zugleich Sterilisierung und Mussolinis Wende zu einem „arischen“ Rassismus ablehnte.

Debatten innerhalb der Kurie selbst beleuchtete Dominik Burkard (Würzburg): Während das Heilige Offizium aus theologischen Gründen eine Verurteilung rassistischer Ideologien anstrebte, galt für das in der Entscheidungsfindung letztlich erfolgreiche Staatssekretariat unter Leitung von Eugenio Pacelli ein „Primat der Politik“, unter dessen Vorzeichen eine öffentliche Verurteilung bei aller geistigen Ablehnung als inopportun und der Weg diplomatischer Noten als geeigneter und erfolgsversprechender schien. Wie sehr hierbei gerade die politische Lage in Italien eine Rolle spielte, konnte Valerio De Cesaris (Perugia) in einem weiteren Beitrag deutlich machen.

Zu Beginn der dritten Sektion, in der die Auseinandersetzung von Kurie, kurialem Umfeld und Theologie mit faschistischen Rassenideologien in Deutschland und Italien beleuchtet wurde, ging Karl-Joseph Hummel (Bonn) auf die schillernde Persönlichkeit des Rektors des deutschen Priesterkollegs Santa Maria dell’Anima in Rom, Alois Hudal, ein. In dessen Denken und Handeln gingen der Interpretation Hummels zufolge eine scharfe Ablehnung nationalsozialistischer Rassenideologie und des NS Rosenbergscher Prägung im Allgemeinen, weil als materialistisch klassifiziert, mit einer pragmatisch-politischen und von der Kurie missbilligten Annäherung an politische Größen des NS einher, eine paradoxe Haltung, die nicht zuletzt von Hudals Idee einer verdeckten geistigen Unterwanderung des NS her zu erklären sei.

Mit Karl Eschweiler nahm Thomas Marschler (Augsburg) einen systematischen Theologen in den Blick, dessen Nähe zum Nationalsozialismus sich nur in der Verbindung von biographischen Faktoren und theologisch-geistesgeschicht-licher Grundlage erkennen lässt. Marschler machte zugleich deutlich, wie sehr die Kurie auf das Zusammenspiel mit kirchlichen Autoritäten vor Ort angewiesen war, um schließlich die Suspension Eschweilers von seinen priesterlichen Tätigkeiten durchzusetzen.

Gabriele Rigano (Perugia) gelang es, aufzuzeigen, wie sich die Haltung Piusʼ XI. zu rassenideologischen Ansätzen und eine positivere Bewertung des Judentums unter dem Eindruck, den Faschismus und Nationalsozialismus hinterließen, zu einer größeren Eindeutigkeit entwickelten.

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Peter Rohrbacher (Wien) konnte aufzeigen, dass nicht nur der Münchner Erzbischof Faulhaber, sondern auch der als Sprachwissenschaftler und Ethnologe tätige Steyler Missionspater Wilhelm Schmidt in die Endredaktion der Enzyklika „Mit brennender Sorge“ (1937) einbezogen war.

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In einem abschließenden Vortrag ging Thomas Brechenmacher (Potsdam) der Frage nach, wann die von Pius XI. im Sommer 1938 angeregte Enzyklika gegen den Rassismus seinem Nachfolger Eugenio Pacelli bekannt war und weshalb dieser nach seiner Wahl sich gegen die Fortführung der begonnenen Arbeiten an einem möglichen Text entschied. Hauptgründe war die von Pacelli schon in seiner Zeit im Staatssekretariat vertretene Priorisierung eines auf diplomatischer Verständigung basierenden Friedenskurses sowie unzulängliche und uneindeutige Aussagen über den Antisemitismus, die gerade im Hinblick auf die weitere Klärung des Verhältnisses zum Judentum nach dem Zweiten Weltkrieg die theologische Entwicklung eher behindert, denn gefördert hätten.

Mit Blick auf die bisherige Debatte konnten die Tagungsteilnehmer in ihren Beiträgen die Vielschichtigkeit der an der Kurie und in ihrem kirchlich-theologischen Umfeld vertretenen Positionen herausarbeiten. Gezeigt werden konnte zunächst, dass die Kurie in ihren inhaltlichen und methodischen Ansätzen zum Umgang mit zeitgenössischen Rassenideologien kaum als monolithischer Block betrachtet werden kann, sondern die unterschiedlichen Positionen von Staatssekretariat und Heiligem Offizium und die dahinterstehenden Mentalitäten bei weiteren Untersuchungen stärkerer Berücksichtigung bedürfen. Mehrfach herausgestellt wurde ebenso, wie sehr zum Verständnis der zeitgenössischen kirchlich-theologischen Positionen eine genaue Kenntnis der theologischen Hintergründe und Argumentationsmuster vonnöten ist, um nicht in voreilige Schematisierungen abzugleiten. Gerade die Ambivalenz des vor allem in der deutschen Theologie der damaligen Zeit vorherrschenden „Modernisierungsparadigmas“ wurde deutlich; die detaillierte Untersuchung der geistesgeschichtlichen Linien in die Theologie der Nachkriegszeit hinein ist sicherlich eine Aufgabe weiterer Forschung. Ebenso lässt, gerade für die von Pius XI. in Auftrag gegebene Rassenenzyklika, die vom regierenden Papst angekündigte Freigabe der Archivbestände aus dem Pontifikat Piusʼ XII. weitere Erkenntnisse erhoffen.

 

Zu ergänzen ist der Busausflug am Samstag, der 47 Tagungsteilnehmer und Gäste nach Ariccia am Albaner See führte. Die Kunsthistorikerin und professionelle Touristenführerin Edith Schaffer erschloss den Palazzo Chigi, während die Kunsthistorikerin Teresa Lohr die Collegiata di Santa Maria Assunta (erbaut von Bernini) erläuterte. Anschließend gab es ein gemeinsames Mittagessen am Lago di Nemi.

Anschließend hielt Thomas Brechenmacher den Öffentlichen Görres-Vortrag zum Thema "Papst Pauls VI. Besuch im Heiligen Land vor 50 Jahren – eine Sensation damals wie heute".

 

Die meisten Vorträge sind bereits im jüngsten Heft der Römischen Quartalschrift veröffentlicht oder erscheinen demnächst. Die Hefte können beim Herder-Verlag oder bei Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. bestellt werden.

 

Presseecho zur Tagung:

Der Corriere della Sera brachte bereits am 20. Februar (139. Jg., Nr. 43) auf Seite 45 einen Beitrag von Francesco Margiotta Broglio unter dem Titel "Un saggio su Pio XI di Giorgio Fabre: Chiesa e razzismo negli anni più bui" und die Anzeige "Da oggi in Vaticano: I cattolici di fronte al mito ariano. Un convegno di studi a Roma".

Die deutsche Wochenausgabe des Osservatore Romano brachte in ihrer Ausgabe vom 7. März (44. Jg., Nr. 10-11) auf Seite 5 einen ganzseitigen Bericht von Christa Langen-Peduto mit dem Titel "Internationale Tagung im Campo Santo Teutonico: Vatikan und Rassendebatte in der Zwischenkriegszeit".

Es gab Meldungen im Internet bei katholisch1.tv, Kathpress, Bildpost, Podcast, Moked, Newsdeutschland, Kipa-apic, Gad Lerner, Katholische Internationale Presseagentur, Die Welt, Der Standard, Religion ORF, Die Presse, Tiroler Tageszeitung.

Gudrun Sailer führte für die deutsche Sektion von Radio Vatikan Interviews mit Prof. Dr. Thomas Brechenmacher und John Connelly, die zeitnah gesendet wurden.