Römische Notizen

Vom Thron zum Klo: die Spannbreite päpstlicher Medienpräsenz

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. Drucken

Von Ulrich Nersinger

Homo sum, humani nihil a me alienum puto – Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches, denke ich, ist mir fremd“. Dieser berühmte Ausspruch, den Publius Terentius Afer (195-159 v. Chr.) für sein Heautontimoroumenos aus einem Werk des griechischen Komödiendichters Menander entliehen hat, ist zu einem geflügelten Wort geworden. Er könnte zum Kommentar genommen werden für die Berichte über den öffentlichen Gang des Papstes zu einem mobilen Ort der Notdurft, vulgo „Dixi-Klo“ tituliert, der sich bei seinem Besuch in Mailand ereignete. Ein eigens für den Papst installiertes knallrotes und bei soviel Zielscheibe hoffentlich kugelsicheres Häuschen wurde neben die kleinen grauen Toiletten der sonstigen Besucher gestellt und allen Blicken preisgegeben.

Haben nicht schon die Könige unter dem Lilienbanner solche Akte öffentlich, ja fast feierlich zelebriert? Die Nachfolger des heiligen Petrus dürften Ähnliches aber bisher noch nicht praktiziert haben. Zwar weiß die Legenda Aurea zu berichten, dass Papst Leo der Große (440-461) während eines Konzils verstarb, als er sich zur Verrichtung seiner Notdurft zurückzog, doch der Pontifex ging dazu „an einem heimlichen Ort“. Im mittelalterlichen Zeremoniell des Possesses, der Besitzergreifung des Laterans, hatte der neugewählte und sodann bei Sankt Peter gekrönte Papst drei Throne zu besteigen, darunter auch eine sedes stercoraria, die noch heute im Kreuzgang der Kathedrale des Bischofs von Rom zu bewundern ist. Doch war dieser „Kotsitz“ nicht zur coram publico inszinierten Darstellung eines intimen menschlichen Aktes gedacht, noch stand er in einer Tradition zur Fama der „Päpstin Johanna“, einzig seine vermutete Herkunft aus kaiserlichem Besitz machte ihn für die Feier des Possesses dienst- und verwendbar. Weder die Aufzeichnungen der Päpstlichen Zeremonienmeister noch die Woche für Woche penibel ausgeführten Rapporte der Esenti di Servizio der Päpstlichen Nobelgarde, der in direkter Umgebung des Heiligen Vaters diensttuenden kommandierenden Offiziere seiner Leibwache, wissen von einem oberhirtlichen Toilettengang sub auspiciis populi, unter den Augen des Volkes, zu berichten. Auch die Konsultation Gaetano Moronis Monumentalwerk zum Papst und seinem Hof gibt keinen näheren Aufschluss.

Soweit ein erster Blick in die Quellen. Vielleicht ergeben sich ja bei näherem Hinschauen und gründlicherem Forschen andere Erkenntnisse als die wohl zu Recht vermutete Diskretion im intimen Bereich der Pontifikate. Bis dahin bleibt der von Kameras, Smartphones und Tablets dokumentierte und weltweit verbreitete Gang eines Pontifex Maximus zum Örtchen ein Novum, ein hypefähiges Ereignis der sozialen Netzwerke, ein der heutigen Medienpolitik geschuldetes aggiornamento. Jedenfalls liefert dieses Beispiel einen fast schon zu anschaulichen Beitrag für jene Thematik, mit der sich die soeben zu Ende gegangene Tagung "Der politische Aufstieg des Papsttums: Mobilisierung, Medien und die Macht der modernen Päpste" am Römischen Institut der Görres-Gesellschaft befasst hat.