Ein neues Buch über den "Camposantiner" Mons. O'Flaherty

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Der Retter Tausender lebte 1938 bis 1949 am Campo Santo

O'Flaherty begrüßt am 4. Juni 1944 auf dem Petersplatz US-General Mark W. Clark O'Flaherty begrüßt am 4. Juni 1944 auf dem Petersplatz US-General Mark W. Clark Das Buch "Über die weisse Linie - Wie ein Priester über 6000 Menschen vor der Gestapo rettete" (Dumont, Köln 2014; 19,99 Euro) der Journalisten Arne Molfenter und Rüdiger Strempel nimmt sich der heldenhaften Tätigkeit des irischen Priesters und Monsignore Hugh O'Flaherty (1898-1963) an, der im Priesterkolleg des Campo Santo Teutonico wohnte und im Zweiten Weltkrieg mithalf, Tausende von Kriegsflüchtlingen und Verfolgten vor den deutschen Nationalsozialisten und italienischen Faschisten zu schützen. Die im Titel angesprochene "weiße Linie" meint jenen von den deutschen Besatzern 1943 auf dem Boden zwischen den Kolonnaden des Petersplatzes gemalten Streifen, der die Grenze zwischen Rom und dem Vatikan markierte. Diese Grenze unterlag seitens der Deutschen besonderer Bewachung; jenseits davon war O'Flaherty seines Lebens nicht mehr sicher.

Die Geschichte dieses außerordentlichen Priesters war bereits von J. P. Gallagher anschaulich mit vielen spannenden Episoden erzählt worden und 1968 auf Deutsch unter dem Titel "Der Monsignore und der Standartenführer" erschienen. Das Leben und Wirken O'Flahertys gehört zu den am besten erforschten Seiten der Geschichte Roms zur Zeit der Diktaturen, da dieser irische Monsignore eine außergewöhnliche Persönlichkeit war und nach dem Krieg internationale Anerkennung genoss. Es gibt immer noch einen Kreis von Freunden und Angehörigen des Monsignore, der in diesen Tagen sogar den Campo Santo besucht hat und von Rektor Dr. Hans-Peter Fischer empfangen wurde.

Das neue Buch von Molfenter / Strempel greift kundig auf die bisherige Literatur zurück, verwebt zielstrebig die interessantesten Begebenheiten zu einer spannenden Darstellung und fügt eine Reihe weniger bekannte Episoden hinzu. Dabei konnten sie auf die Hilfe der Hugh O'Flaherty Memorial Society zurückgreifen. Die Autoren schildern das gesamte Leben des Priesters, mit Schwerpunkt auf seiner römischen Zeit. Sie schreiben kein Buch der Verherrlichung, sondern der nüchternen Bewunderung mit einem kritischen, aber ebenso nüchternen Blick auf die zeitgeschichtlichen Umstände und Verstrickungen. Dabei werden markante Ereignisse Roms, die gegenüber der älteren Literatur inzwischen gut erforscht sind, breiter ausgeführt, etwa die Verfolgung der Juden Roms (S. 87-107), die Rettung Tausender in der päpstlichen Residenz Castel Gandolfo (S. 157-159; hier wäre unbedingt die kaum bekannte Broschüre von E. Bonomelli, "Cronache di Guerra. Nelle ville pontificie di Castel Gandolfo, Marino 2009, zu zitieren gewesen) oder das Attentat italienischer Kommunisten in der Via Rasella (165-184). Bei dem Strafmassaker in den Ardeatinischen Höhlen kamen auch fünf Helfer O'Flahertys ums Leben (S. 181, 183-184).

Behandelt wird auch, wie O'Flaherty nach der Befreiung Roms verfolgten Deutschen und den Kriegsgefangenen der "Achsenmächte" half. Besonders umstritten war dabei sein seelsorglicher Einsatz für Herbert Kappler (S. 208-210). Ausführlich behandelt werden - ohne Bezug zu O'Flaherty - der 1994 entdeckte "Schrank der Schande" und die Haltung der Bundesrepublik zu Kappler (S. 215-240).

Bemerkenswert sind einige bislang kaum bekannte Abbildungen. Es fehlen hingegen auch hier Fotos vom südlichen Vatikan bzw. Campo Santo, was insofern nicht verwundert, als offenbar in den 1930-40er Jahren wenige Fotos auf dieser Seite des Petersdoms gemacht wurden. Was die Informationen über den Vatikan und den Campo Santo Teutonico (Seiten 28-29, 84, 135-136, 145) betrifft, erfährt man über das Bekannte hinaus nichts substantiell Neues. Von den damaligen Bewohnern des Kollegs werden die Schwestern und Rektor Hermann M. Stoeckle erwähnt. Interessant ist die Geschichte, dass O'Flahertys "Organisation" nachts in den Vatikanischen Gärten unter Pinien, Steineichen und Zypressen Personendokumente von über 2000 Flüchtlingen in Keksdosen vergrub (S. 124, 200).

Das Buch ist journalistisch geschriebene und ausgesprochen gut lesbar. Es verzichtet auf sensationsheischende Enthüllungsrhetorik und arbeitet den Stoff gründlich und zugleich spannend auf. Pius XII. wird gerecht beurteilt (S. 241-243). Hie und da ist Kritik möglich. Die Domus Sanctae Marthae, in der während der deutschen Besatzung 1943/44 Diplomaten der alliierten Mächte und danach deutsche Diplomaten wohnten, hat nichts mit dem Konklavehotel zu tun, das als Erweiterungsbau erst von Johannes Paul II. errichtet wurde (S. 58). Der Altbau, um den es damals ging, steht neben dem modernen Hotel, das heute Papst Franziskus zu seiner Dauerresidenz umfunktioniert hat. Was der touristischen running gag über Cäsars Asche im Fuß des Obelisken in einem solchen Buch soll (S. 82), bleibt schleierhaft. Komisch wirkt die geradezu zwanghafte Verwendung von "Glaubensbruder" für Katholik (man lese das heilsame Buch von Wolf Schneider, Deutsch für Profis).

Über O'Flahertys Wirken am Campo Santo Teutonico wird ein Beitrag von J. Ickx und S. Heid in dem bald im Herder-Verlag erscheinenden Tagungsband "Orte der Zuflucht und personeller Netzwerke: Der Vatikan und Campo Santo Teutonico 1933-1955" nähere Auskunft erteilen. Dabei werden auch Zeugnisse des Archivs des Campo Santo Teutonico ausgewertet.

S.Heid